Hans-Peter und die Esel aus Draht

Mit der Veröffentlichung des Beitrages „Hans-Peter und die Esel aus Draht“ von unserer geschätzten Kollegin Nicole Kubenka aus Sassnitz möchten wir als Bestattungsinstitut Gotha dazu beitragen, die auf nette Art dargestellten Alltagsprobleme auf den Friedhöfen unseres Landes in die Gegenwart zurückzuholen und zum Nachdenken anzuregen. Angenehmes Lesen wünscht Ronald Häring, Geschäftsführer.

„Hans-Peter und die Esel aus Draht“

Zunächst möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Hans-Peter. Ich bin eine Nebelkrähe, gehöre zur Gruppe der Rabenvögel und bin nah mit der Rabenkrähe verwandt.

Man kann uns gut an dem grauen Gefieder, mit schwarzen Flügeln, schwarzem Kopf und dem ausgefransten schwarzen Fleck auf der Brust erkennen. Da wir genetisch sehr nah an der Rabenkrähe sind und uns mit dem Zweig auch gerne neue Familien gründen, entscheiden die Gene darüber, ob wir einfarbig oder zweifarbig das Licht der Welt erblicken.

Eben wie bei Euch Menschen auch.

Wir sind aufgeweckt und schlau, suchen die Nähe zu Euch Menschen, bleiben aber auf angemessener Distanz. Meine Familie und ich haben unser zu Hause auf dem Neuen Friedhof in Sassnitz gefunden. Ein schöner ruhiger Ort mit reichhaltigem Nahrungsangebot und frischem Wasser für alle tierischen Mieter des Friedhofs.

Seit unserem Einzug haben wir so allerlei erlebt und komische Dinge gesehen, so dass wir abends, wenn alles still und friedlich ist, oft in der Gemeinschaft auf einem der alten Bäume zusammen sitzen und uns über die meist sonderbaren Sachen austauschen, fachsimpeln oder rätseln. Da man sich das als gewöhnliche Krähe nun mal nicht alles merken kann, kam meine Frau Hildegard auf die Idee, Besonderes, Rätselhaftes oder Fragen einfach in ein kleines Notizbuch zu schreiben.

Gesagt getan, ich kralle mir also ein kleines rotes Büchlein, klemme mir einen Stift zwischen die Federkiele und schreibe alles auf, was ich mir nicht erklären kann. An sich ein guter Gedanke. Jetzt musste nur noch jemand gefunden werden, der uns diese Begebenheiten und Dinge erklärt.

Viele Menschen haben wir seitdem beobachtet: Kleine, Große, Junge und Alte. So unterschiedlich sie auch sind, haben sie doch eine Gemeinsamkeit. Sie sind traurig. Viele sind zunächst in Schwarz gekleidet und kommen am Anfang in kleinen bis größeren Gruppen, sind ganz still und es fließen Tränen. Später kommen die Menschen wieder, nicht mehr in schwarz oder in der Gruppe, aber dennoch immer ganz traurig.
In der ersten Zeit haben wir nicht verstanden, wo wir uns niedergelassen haben. Wir konnten nicht verstehen, warum ein so schöner, ruhiger Ort die Menschen so traurig macht. Lange Zeit waren wir alle ratlos. Wen können wir fragen? Wer mag uns das erklären?

Die Hoffnung schon fast aufgegeben, kam eines klirrend kalten Wintermorgens eine Menschenfrau in unser zu Hause. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Dezemberkälte konnte man ihr an sehen, wie sehr sie die Ruhe des anbrechenden Tages genoss. Eine Menschfrau, die an diesem Ort nicht traurig ist. Schnell waren wir uns einig, die nehmen wir!

Die Kommunikation war einfacher als gedacht.  Nachdem wir die Menschenfrau etwas beobachtet hatten, imitierten wir ihr Verhalten und konnten so Ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Der Rest war federleicht. Sie erklärte uns, dass wir hier auf einem Friedhof sind. Was ist ein Friedhof?

Ein Friedhof ist ein Ort, an dem Menschen zur letzten Ruhe gebettet werden. Ein Ort, an dem Angehörige um die Liebsten trauern und deren Leben gedenken können.

Ein Ort der Begegnung.
Ein Ort der Erinnerung.
Ein Ort zum Verweilen.
Ein Ort der Stille.

Ein Ort, an dem aber auch gelacht werden darf. Denn so, erklärt uns die Menschenfrau, gibt es ja auch schöne und lustige Momente im Leben eines Menschen. Dinge, die die Lebenden mit ihren Toten verbindet. An eben jene komischen Situationen oder lustigen Begebenheiten darf oder vielmehr MUSS man sich sogar erinnern. Das hilft, mit der Trauer zurecht zu kommen, Trauer zu verarbeiten.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, hinterlässt er eine Lücke im Leben seiner Angehörigen. Nichts und Niemand auf dieser Welt vermag diese Lücke zu schließen. Trauer braucht Zeit. Trauer braucht Raum. Trauer braucht einen Ort. Trauer ist individuell. Das Alles und noch viel mehr ist ein Friedhof. Wir hören der Menschenfrau gebannt zu und das, was sie sagt, verstehen wir.

Ich sitze gerade in der Nähe des grün-gelben Drachen aus Stahl und denke über ihre Worte nach. Plötzlich bekomme ich den Schreck meines Lebens!

„Wusch“.. Kann ich eher spüren als hören. Es ist ein anderer Mensch auf einem Esel aus Draht. Einem sehr schnellen Esel mit einem leuchtenden grellen weißen Auge vorn und einem bedrohlichen roten Auge hinten. Er ist durch unsere Gruppe der aufmerksamen gefiederten Zuhörer galoppiert. Einfach so! Ohne Rücksicht! Mir sitzt der Schreck so tief im Gefieder, dass ich befürchte, in eine Stressmauser zu geraten, was angesichts der noch kalten nächtlichen Temperaturen gar nicht gut wäre. Das Herz schlägt mir bis zum Schnabel und während ich noch versuche, die Situation zu verstehen, ist die FriedhofsMenschenFrau bereits aktiv.

Blitzschnell ist der grün-gelbe Drache zum Leben erwacht und die Menschenfrau steuert ihn geradewegs in die Flugbahn des Esels. Das Ungetüm hält an. Trotz Kratzbürsten-Kampfmodus bleibt die Menschenfrau gelassen.

Freundlich, aber bestimmend, spricht sie den Eselreiter an, fragt, ob er denn das große Schild an beiden Eingängen nicht gelesen hätte. Doch, hat er, gibt er nickend zu. Warum fahren Sie dann mit dem E-Bike trotzdem über den Friedhof, fragt sie freundlich mit einem Lächeln. Der Reiter überlegt kurz und sagt dann: „Weil das E-Bike so schwer zu schieben ist“. „Junger Mann, Sie sind mit hoher Geschwindigkeit bergab gefahren“, stellt die Menschenfrau sachlich, immer noch lächelnd fest. Der Reiter blickt sie etwas ratlos und irgendwie ertappt an und sagt schließlich: „ja, aber ich bin vorher ja den Berg raufgefahren, weil das Rad so schwer zu schieben ist“. „Soso“.., sagt die Menschenfrau lachend. Sie wissen aber, dass das Fahrradfahren auf dem Friedhof nicht gestattet ist? Ja das weiß er, gesteht er etwas kleinlaut. Gut. „Sie wissen auch, dass Ihr Rad über eine Schiebehilfe verfügt?“, fragt sie weiter. Er schaut sie lange an. „Ok, Sie haben mich erwischt“ gibt er schließlich resigniert zu. „Ach sieh an“, sagt die Menschenfrau sichtlich amüsiert, der Reiter muss nun auch lachen. „Ich verspreche Ihnen, dass ich in Zukunft schiebe oder gleich außen ´rum fahren werde“, sagt der Reiter aufrichtig. „Dann glaub´ ich Ihnen das mal“, sagt die Menschenfrau lächelnd. Der Reiter steigt von dem komischen Esel ab und schiebt ihn bis runter zum Ausgang.

„Was war das?“, frage ich die Menschenfrau. „Das, Hans-Peter, war ein Radfahrer mit einem sogenannten E-Bike. Das bedeutet, dass Fahrrad fährt mit einer elektrischen Unterstützung. Es gibt aber auch noch Fahrräder, die nur mit Muskelkraft betrieben werden.“ erklärt sie. Sind alle Radfahrer, die du an das Radfahrverbot erinnerst, so freundlich und einsichtig wie der Mann eben? Sie zieht die Stirn in Falten und schüttelt den Kopf. „Nein leider nicht. Viele werden sogar unsachlich und versuchen sich mit Ausreden zu rechtfertigen. „Das ist doch ein Friedhof!“, resümiere ich. „Richtig“, sagt die Menschenfrau.

„Ein Friedhof ist ein Ort an dem Menschen zur letzten Ruhe gebettet werden.
Ein Ort an dem Angehörige um die Liebsten trauern und deren Leben gedenken können.
Ein Ort der Begegnung.
Ein Ort der Erinnerung.
Ein Ort zum Verweilen.
Ein Ort der Stille.

Ein Ort an dem aber auch gelacht werden darf.“ wiederhole ich.

„Ganz genau“, bestätigt die Menschenfrau nachdenklich.

Nicole Kubenka
Verfasserin
Stadtverwaltung Sassnitz

Folge 1 – Hans-Peter und die Esel aus Draht

Hans-Peter und die Esel aus Draht

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